Eine aktuelle Publikation in „Lancet Public Health“ analysiert die fortschreitende Kommerzialisierung der stationären Kinder- und Jugendhilfe in England und deren Auswirkungen auf die bedarfsgerechte regionale Versorgung („Care Sufficiency“). Auf Basis einer Vollerhebung aller Kinderheime zwischen 2014 und 2023 werden die Trägerstrukturen differenziert nach öffentlicher, gemeinnütziger sowie verschiedener privater Eigentumsformen untersucht.
Zentrales Ergebnis ist ein tiefgreifender Strukturwandel zugunsten gewinnorientierter Anbieter, insbesondere solcher im Besitz von Investmentfirmen. Deren Marktanteil hat sich innerhalb eines Jahrzehnts mehr als verdoppelt, während öffentliche und gemeinnützige Träger – trotz ihres Versorgungsauftrags – stagnieren oder Marktanteile verlieren. Kommerzialisierung erweist sich damit nicht als neutrale Diversifizierung, sondern als dominantes Steuerungsprinzip der Angebotslandschaft.
Profitgetriebene Standortentscheidungen als blinder Fleck der Gesundheits- und Sozialpolitik
Entscheidend ist dabei nicht nur wer Leistungen erbringt, sondern wo. Die Analyse zeigt, dass profitorientierte Anbieter signifikant häufiger in Regionen mit geringerem lokalem Versorgungsbedarf präsent sind. Besonders investmentgetragene Einrichtungen konzentrieren sich systematisch in Gebieten mit niedrigen Immobilienpreisen – ein Muster, das auf Kostenminimierung und Renditeoptimierung als leitende Standortlogik verweist. Der Bedarf an wohnortnaher Betreuung spielt demgegenüber eine nachgeordnete Rolle.
Im Kontrast dazu befinden sich öffentliche und gemeinnützige Heime – inzwischen das kleinste Marktsegment – überdurchschnittlich häufig in Hochbedarfsregionen. Die resultierende räumliche Verteilung folgt damit nicht der Logik der Versorgungsgerechtigkeit, sondern der Logik des Marktes: urbane Räume mit hoher Nachfrage weisen strukturelle Platzdefizite auf, während periphere Regionen teils überversorgt sind.
Diese durch Kommerzialisierung erzeugten Marktdynamiken verschärfen bestehende Ungleichheiten, anstatt sie auszugleichen. Die Konsequenzen sind aus Public-Health-Perspektive gravierend: erzwungene Fernunterbringungen, der Abbruch sozialer Beziehungen, instabile Betreuungsverläufe sowie die Zunahme nicht regulierter Unterbringungsformen stellen indirekte, aber substanzielle Gesundheitsrisiken für eine ohnehin hoch vulnerable Population dar.
Besonders problematisch ist, dass diese systemischen Effekte durch bestehende Regulierungsansätze kaum erfasst werden. Die Fokussierung auf die Qualitätsbewertung einzelner Einrichtungen bleibt strukturell blind gegenüber den gesundheitsrelevanten Folgen marktförmiger Standortentscheidungen. Kommerzialisierung wirkt hier nicht über schlechte Pflegequalität, sondern über die räumliche Umverteilung von Versorgung.
Die Studie leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Forschung zu den kommerziellen Determinanten von Gesundheit. Sie zeigt, dass Profitinteressen Gesundheit nicht nur über schädliche Produkte oder Kostensenkung beeinflussen, sondern auch über die räumliche Organisation sozialer Infrastrukturen. Kommerzialisierung erweist sich so als ein zentraler Mechanismus, durch den gesundheitliche Ungleichheiten reproduziert und verfestigt werden – jenseits individueller Versorgungsqualität und weitgehend unbeachtet von bestehenden Regulierungsinstrumenten.
* Quelle: Goodair B, Schoenberger F, Bach-Mortensen A: Commercialisation and care sufficiency: the privatisation of children’s homes in England. Lancet Public Health. 2026 Feb;11(2):e129-e136
(DOI 10.1016/S2468-2667(25)00279-8, Volltext).
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* Autor: Rainer H. Bubenzer, Eichstädt bei Berlin, 1. Februar 2025.