Pandemievorsorge entscheidet sich nicht erst im Krisenfall, zeigt ein Beitrag in „ThinkGlobalHealth“ und verdeutlicht, warum die globale Last nichtübertragbarer Krankheiten ein zentraler, bislang unterschätzter Faktor für pandemische Vulnerabilität ist – und was das für Public Health bedeutet.

Der Beitrag argumentiert überzeugend, dass Pandemieresilienz nicht allein durch technologische und reaktive Maßnahmen wie Impfstoffentwicklung, Surveillance oder nicht-pharmazeutische Interventionen erreicht werden kann. Vielmehr zeigt die Analyse, dass die globale Last nichtübertragbarer Krankheiten (NCDs) ein zentraler, bislang unterschätzter Verstärker pandemischer Morbidität und Mortalität ist.

Die Evidenz ist klar: Adipositas, Diabetes, kardiovaskuläre Erkrankungen und Hypertonie waren während der COVID-19-Pandemie konsistent mit schweren Krankheitsverläufen, erhöhten Hospitalisierungsraten und Mortalität assoziiert. Modellierungen deuten darauf hin, dass eine geringere durchschnittliche BMI-Belastung auf Bevölkerungsebene die globale COVID-19-Sterblichkeit signifikant reduziert hätte. Vergleichbare Zusammenhänge finden sich auch für andere respiratorische Pandemierisiken wie Influenza. Dabei ist der BMI als epidemiologischer Marker hilfreich, wenngleich er individuelle metabolische Heterogenität nur begrenzt abbildet.

Besonders dynamisch entwickelt sich die NCD-Last in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Dort treffen rasches Bevölkerungswachstum, demografische Alterung und tiefgreifende Veränderungen von Ernährungs- und Bewegungsmustern auf Gesundheitssysteme, die historisch auf akute Infektionskrankheiten ausgerichtet sind. Die Zunahme von Adipositas – teils mit Prävalenzen oberhalb europäischer Vergleichswerte – ist Ausdruck struktureller Veränderungen von Ernährungssystemen, Urbanisierung und sozialer Ungleichheit, nicht primär individueller Verhaltensdefizite.

Warum nichtübertragbare Krankheiten die Vulnerabilität von Populationen entscheidend prägen

Vor diesem Hintergrund wird in dem Beitrag für eine strategische Neuausrichtung der globalen Gesundheitspolitik plädiert. Trotz ihres erheblichen Beitrags zur vorzeitigen Mortalität und zur pandemischen Vulnerabilität erhalten NCDs bislang nur einen marginalen Anteil der internationalen Gesundheitsfinanzierung. Diese Disparität steht im Widerspruch zur verfügbaren Evidenz und zur Kosten-Effektivität vieler präventiver und therapeutischer Maßnahmen.

Prioritär sind dabei:
* Verhältnispräventive Interventionen wie Tabakkontrolle, Besteuerung zuckergesüßter Getränke und verbindliche Nährwertkennzeichnung,
* Stärkung der Primärversorgung zur kontinuierlichen Prävention, Früherkennung und Behandlung kardiometabolischer Risiken,
* Impf- und Screeningprogramme zur Reduktion infektionsassoziierter Krebserkrankungen (z. B. HPV, Hepatitis B),
* sowie ein kontextsensitiver Zugang zu Medikamenten, einschließlich neuer Wirkstoffklassen wie z. B. den Inkretinmimetika, eingebettet in nachhaltige Versorgungsstrukturen und flankiert durch nicht-pharmakologische Maßnahmen.

Für die Public-Health-Praxis ergibt sich daraus eine differenzierte Schlussfolgerung: Die Reduktion der NCD-Last ist keine Alternative zu klassischer Pandemievorsorge, aber ein entscheidender Baustein zur Verringerung populationsbezogener Vulnerabilität. Investitionen in Prävention und Versorgung chronischer Erkrankungen erhöhen die gesellschaftliche Resilienz gegenüber zukünftigen Gesundheitskrisen und sollten systematisch in nationale und internationale Strategien der Pandemievorsorge integriert werden.

Warum ist das für Deutschland relevant?

Auch in Deutschland prägen nichtübertragbare Krankheiten wie Adipositas, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und chronische Atemwegserkrankungen die gesundheitliche Ausgangslage der Bevölkerung. Die COVID-19-Pandemie hat gezeigt, dass diese Faktoren maßgeblich beeinflussen, wer schwer erkrankt, intensivpflichtig wird oder verstirbt – unabhängig von der Leistungsfähigkeit des Akut- und Intensivsystems.

Für die deutsche Public-Health-Praxis bedeutet das:
* Pandemievorsorge ist nicht nur Krisenmanagement, sondern beginnt in der langfristigen Prävention und Versorgung chronischer Erkrankungen.
* Verhältnisprävention, Primärversorgung und soziale Determinanten von Gesundheit sind keine Nebenthemen, sondern strukturprägend für Resilienz.
* Eine rein technologische Vorsorgelogik (Impfstoffe, Surveillance, Notfallpläne) bleibt unvollständig, wenn die populationsbezogene Vulnerabilität hoch ist.

Der internationale Blick von ThinkGlobalHealth liefert damit auch für Deutschland einen relevanten Perspektivwechsel: Pandemien treffen nicht auf abstrakte Systeme, sondern auf reale Bevölkerungen – mit ihrer jeweiligen Krankheitslast.

* Quelle: Bollyky TJ, Dieleman JL, Mitchell AJ, Searchinger C, Every E: Governance – Does Pandemic Preparedness Depend on Confronting the Chronic Disease Crisis? ThinkGlobalHealth. 2025 Dec 24 (Volltext).
* Bildnachweis: AllGo – An App For Plus Size People, 26.11.2025, Unsplash.com.
* Autor: Rainer H. Bubenzer, Eichstädt bei Berlin, 30. Dezember 2025.

Zusatzinfo: ThinkGlobalHealth ist ein englischsprachiges Online-Bulletin mit Fokus auf globale Gesundheitspolitik, Governance und internationale Gesundheitsökonomie. Die Plattform wird vom Council on Foreign Relations (CFR) getragen und richtet sich an Fachpublikum aus Public Health, Politik, Wissenschaft und internationalen Organisationen. Ziel von ThinkGlobalHealth ist es, evidenzbasierte Analysen zu globalen Gesundheitsfragen in einen breiteren gesundheits- und außenpolitischen Kontext einzuordnen und damit politische Entscheidungsprozesse zu informieren (Website: www.thinkglobalhealth.org).